Die hohe Kunst des Unsinns

Friedl Umschaid und Fritz Gall halten seit Jahrzehnten ein ganzes Weinviertler Dorf mit Nonsens auf Trab und haben Herrnbaumgarten damit weltberühmt gemacht.

Heute kennt man das „verruckte Dorf“ – wohl gemerkt nicht verrückt! – nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze und in unmittelbarer Nähe vom Weinort Poysdorf weltweit ob seiner Verrücktheiten. Erst kürzlich ist im Magazinteil einer großen Hongkonger Tageszeitung dem „Wahnsinn in Herrnbaumgarten“ eine ganze Seite gewidmet worden. Doch begonnen hat alles vor 30 Jahren, damals als 1984 in feuchtfröhlicher Runde beim Wirt’n Rotwein auf das weiße Tischtuch geschüttet wurde und unschöne Flecken verursacht hat. „Da hatte ich die Idee von Würfeltischen samt Tischtuch, die man einfach dreht und schon ist die Stellfläche wieder sauber“, erzählt Fritz Gall, damals Absolvent der Kunstakademie, heute Nonseums-Direktor, Künstler, Bildhauer und Erfinder.

Der entlüftbare Hut lässt mit einem Seilzug seinen Deckel nach oben klappen und bringt so Abkühlung an heißen Tagen Der entlüftbare Hut lässt mit einem Seilzug seinen Deckel nach oben klappen und bringt so Abkühlung an heißen Tagen
Die "Expander-Ziaharmonika" sorgt für Kräftigung der Armmuskulatur Die "Expander-Ziaharmonika" sorgt für Kräftigung der Armmuskulatur
Das "Selbstgespräch-Telefon" lässt einen mit zwei Hörern mit sich selbst telefonieren Das "Selbstgespräch-Telefon" lässt einen mit zwei Hörern mit sich selbst telefonieren

Was einer Schnapsidee entsprungen war, veranlasste ein kleines unbeugsames Dorf in 212 Metern Seehöhe am Rande der Republik, seinen Standpunkt völlig zu wechseln und seither beschaut es die Welt gekonnt aus einem leicht schrägen Blickwinkel. Stets balanciert es fröhlich zwischen hintersinnigem Quergedenke, freundlichem Professionalismus und wohlwollendem Missverständnis. „Das macht wesentlich mehr Spaß und funktioniert auch nicht schlechter. Unter den zahlreichen Anlaufstellen für Lebenshilfe, an denen wir mit Ratschlägen bestürmt werden, hat das Nonseum einen besonders aufrichtigen Charakter: Es nützt wirklich niemandem, das aber sehr gewissenhaft und mit aller Liebe“, schmunzelt Friedl Umschaid, der im wirklichen Beruf mehrfach ausgezeichneter Winzer ist und eine Buschenschank in seinem wundervollen Hof unweit des Nonseums betreibt.

Was anfangs als „Schwachsinn, der noch die ganze Ortschaft in Verruf bringt“ abgetan und kritisiert wurde, ist heute eine Touristenattraktion, die Tagestouristen in Reisebussen anlockt. Von Freitag bis Sonntag bekommt man auf knapp 1000 m2 alles, was abseits des alltäglichen Nützlichkeitsdenkens liegt und doch irgendwie einen Sinn ergibt, geboten: Rund 500 Exponate haben sich seither angesammelt und es werden täglich mehr.

Das Nonseum von innen Das Nonseum von innen
Die Sammlung historischer Knopflöcher Die Sammlung historischer Knopflöcher

„In unserem Dorf sind alle willkommen.“

Friedl Umschaid

Ob der „ausrollbare Zebrastreifen“, der dem Fußgeher immer und überall ein verkehrssicheres Queren von Straßen gewährleistet, das „Denkmal für Lebende“, welches jeder Frau und jedem Mann das Gefühl verleiht einmal auf einem Podest zu stehen, die „Lupengabel“, die aus Backerbsen Semmelknödeln werden lässt, oder das „transparente Hütchenspiel“, das speziell für Spielverderber und schlechte Verlierer angefertigt wurde, der Nonsens in Form von einzigartigen Kunstobjekten – entstanden mit großer Beobachtungsgabe, durch Zufall oder einfach aus Spaß an der Freude – kennt in Herrnbaumgarten keine kreativen Grenzen.

Politische Botschaften will man mit den Objekten zwar keine transportieren, aber „als Reaktion auf die leidigen Ortstafel-Streitereien in Kärnten, heißen wir in unserem Dorf alle Minderheiten willkommen“, versichert Umschaid. Daher habe man auch insgesamt 14 Ortstafeln in 14 verschiedenen Sprachen an den Zufahrten nach Herrnbaumgarten aufgestellt. Und der Zustrom von Touristen, welche einen Blick auf jene Objekte werfen wollen, die der „Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen“ produziert, ist enorm. Rund 17.000 Besucher konnte die Truppe in diesem Jahr bereits zählen.

„Speziell wird es immer, wenn wir im Dorf eine Aktion starten“, verrät Gall. So hat man einmal unter dem Motto „Haus-Kleid“ einen Großteil der Häuser im Dorf in Textilien gehüllt. Oder man führte im Sommer den „Wanderweg für Pessimisten“ durchs Dorf: „Kunststationen mit schwarzer Leinwand, schwarzer Farbe für Schwarzmaler standen überall bereit. In den Heurigen hat es nur halbleere Gläser gegeben usw. “, erinnert sich Umschaid, der für die Vorweihnachtszeit und zur Ballsaison ebenfalls zwei Aktionen in seinem Keller-Labyrinth plant: den Adventmarkt „Kitsch & Kleinigkeiten“ bei Kerzenlicht und 9 °C, und den legendären „Erdball“ im Jänner.

Auf verschiedenen Ebenen des weitverzweigten Weinkeller-Labyrinths werden insgesamt 14 Bands (Otto Lechner, Attwenger etc.) zeitgleich eine illustre Schar von Ballgästen unterhalten, ohne sich gegenseitig wegzuspielen. Laut Ball-Vater Friedl eine „sehr schräge Veranstaltung. Bekleidungsvorschrift: Nobel, schräg und mit warmen Schuhen!“

Das Credo der Initiatoren: „Wir wollen in dieser kalten, hochtechnisierten Zeit ein bisschen die Welt retten und den Menschen ein Lächeln entlocken – weiter nichts!“

Ähnliche Beiträge