Craft Beer

Junges Bier in alten Fässern

Individuell gebraute Kreativbiere liegen im Trend und erfreuen den aufgeschlossenen Gaumen – vor allem den wahren Bierliebhaber, der ein Bier mit Persönlichkeit schätzt.

Sie sehen entzückend aus, sind meist nicht allzu groß und verheißen bierige Glückseligkeit. Die Rede ist von putzigen kleinen Fläschchen voller Craft Beer, die plötzlich zum wichtigsten Gesprächsthema unter Bierkennern geworden sind. Aber was ist dieses Craft Beer denn eigentlich? Klingt vom Wortklang her wie besonders kräftiges Bier – und damit liegt man gar nicht falsch, auch wenn das englische Wort „craft“ freilich eine ganz andere Bedeutung hat.

Wörtlich übersetzt heißt „craft“ Handwerk, Kunstfertigkeit. Somit bezeichnet der Ausdruck „Craft Beer“ Biersorten, die in mühevoller Handarbeit ohne chemische Zusätze hergestellt werden.

Hopfen Hopfen

Brauer mit Erfindungsgeist experimentieren mit Gewürzen, Chili,
Schokolade, Honig oder Kaffee für unverwechselbare Aromen.

Eine Herausforderung, der sich vor allem leidenschaftliche Kleinbrauer im Kampf gegen den vorherrschenden Einheitsgeschmack stellen. Als Lohn für die aufwendige Arbeit winkt den Bier-Revoluzzern dafür ein Höchstmaß an Freiraum in Sachen Geschmackskombination. Und genau das macht den großen Erfolg dieser Biere aus: Craftbiere schmecken extrem unterschiedlich, und jedes hat eine andere Farbe, von hellem Strohgelb bis ins dunkle Schokoladenbraun. Immerhin dürfen die Brauer ja nach Herzenslust alte Rezepte verwenden, die Biere etwa in alten Barriquefässern lagern – mit einem Wort: einfach kreativ sein, wes-halb diese Biere in Österreich auch als „Kreativbiere“ bezeichnet werden.

Nach altem Rezept gebraut

Nach den strengen Richtlinien des österreichischen Lebensmittelbuchs muss aber auch Kreativbier aus Hopfen und den üblichen Cerealien (damit sind Gerste, Weizen, Roggen, Hafer oder Dinkel gemeint) gebraut werden. Doch was zur geschmacklichen Verfeinerung an natürlichen Zutaten noch zusätzlich in den Sudkessel wandert, das ist dem Erfindungsgeist des Brauers überlassen. Gewürze, Chili, Schokolade, Honig, Kaffee, Maroni, Kürbis oder Tannenzapfen – kurzum alles, was natürlichen Ursprungs ist, darf diesen populären Biersorten unverwechselbare Aromen verleihen.

Kupferkessel in Bierbrauerei Kupferkessel in Bierbrauerei

Klar, dass Holunderblütenbier der Zunge anders schmeichelt als prickelndes Riesling- oder vollmundiges Cherrybier. Immerhin kommen abgesehen von diesen außergewöhnlichen Zutaten vielfach auch alte, oftmals bereits vergessene Zubereitungsmethoden zum Einsatz. Etwa die Lagerung der Maische in im Sand vergrabenen tönernen Amphoren, wie das etwa im ersten „Biergut“ Österreichs praktiziert wird. „Ein Urbier in Quevris auszubauen ist das Experiment meines Lebens“, sagt Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl. Dem Vorbild eines Weinguts folgend, hat sich die Brauerei Stiegl im oberösterreichischen St. Pantaleon an der Grenze zu Salzburg nämlich ganz dem Kreislauf nachhaltiger Produktionsweise verschrieben und baut dort sogar in Vergessenheit geratene Urgetreidesorten an, aus denen später die „Wildshuter Biere“ gebraut werden.

Mikrobrauereien ganz groß

Bereits seit 20 Jahren experimentiert die Salzburger Brauerfamilie Kiener regelmäßig mit „Hausbieren“ aus ihrer Hausbrauerei. Craft Beer aus einer der größten Brauereien Österreichs – ist das nicht ein Widerspruch in sich? „In den Medien, aber auch in der aufstrebenden Spezialitätenbier-Szene werden die Begriffe ‚Craft Beer‘ und ‚kleine Brauer‘ meist in einem Atemzug genannt. Das erweckt den Eindruck, dass nur kleine Brauereien den Anspruch hätten, Craftbiere zu produzieren.

Tatsächlich stellen auch immer mehr große Brauereien Craftbiere her. Es geht ja letztlich nicht um Brauereigröße und Ausstoß, sondern um die Kunst und Kreativität des Brauhandwerks.“ Soweit die Einschätzung von Jutta Kaufmann-Kerschbaum, Geschäftsführerin des Verbandes der Brauereien Österreichs, die damit den Siegeszug dieser Bierspezialität quer durch die Brauereilandschaft erklärt.

Craft steht für Handwerk und Kunstfertigkeit.
Ein Bier mit individuellem Geschmack, in Handarbeit hergestellt.

So richtig aufgemischt hat die Szene aber tatsächlich die Welt der Kleinstbrauereien. Pfiffige und risikofreudige Mikrobrauer wie Braunschneider, das Brauhaus Bevog, die Brauerei Gusswerk oder die 1516 Brewing Company zeigen vor, wie man auch abseits der großen Märkte erfolgreich sein kann. Von den rund 1.000 in Österreich produzierten Biersorten sind momentan gerade einmal ein knappes Prozent Kreativbiere. Wenn man allerdings bedenkt, dass von den insgesamt 198 österreichischen Brauereien stolze 168 Betriebe der Gruppierung mit dem geringsten Bierausstoß (unter 20.000 hl pro Jahr) angehören, so schlummert in diesen Kleinbrauereien noch gewaltiges Potenzial für viele weitere Kreativbiermarken.

Bier verkosten

Bier im Glas mit Flasche Bier im Glas mit Flasche

Bier, das mit so viel Hingabe und Aufwand gebraut wird, muss freilich auch seinen Preis haben. Statt der 60 Cent pro Dose Massenbier muss da schon mit 3,50 Euro aufwärts pro Fläschchen gerechnet werden, wobei Extremliebhaber sogar dreistellige Beträge hinblättern. Dafür wartet die erlesen designte Raritätenflasche dann auch geduldig im Regal auf den ersten Schluck.

Apropos Regal: Echte Craftbier-Fans sammeln und lagern die Gebinde mit dem schäumenden Nass wie Weinkenner. Sie süffeln die teuren Kreszenzen auch nicht beim lockeren Schwatzen am Grill, sondern zelebrieren den Genuss. Entsprechend elegant die passenden Gläser, die Aroma und Schaum voll zur Geltung bringen.

Und letztlich kommentiert man die Geschmackstöne analog zur Weinsprache mit „dezente Beerennote“, „zarter Bitterton“ oder „subtiler Schokoabgang“. Ein Vergnügen, das man sich auch als Nicht-Biersommelier vergönnen sollte. Eine private Bierverkostung macht nicht nur gute Laune, sondern schärft auch tatsächlich das eigene Geschmacksempfinden.

„Craft Beer kann fruchtig-exotisch schmecken wie Lychee, Maracuja oder Grapefruit, aber auch nach Gewürzen wie Koriander, Lorbeer und Wacholder und einen fast medizinischen Geruch haben“, weiß Bettina Bittermann, Patronne des Restaurants „bittermann“ in Göttlesbrunn, aus ihren Erfahrungen zu berichten.

Da Kreativbiere meist recht voll im Geschmack sind (sie werden auch mit Starkbieren wie Stout, Porter oder India Pale Ale verglichen), können sie sogar ein mehrgängiges feines Menü durchgehend begleiten. Diese reizvolle Idee ist in der Gastronomie momentan sehr beliebt, lässt sich aber auch zu Hause in den eigenen vier Wänden ausprobieren. Na dann Prost!