Wie unternehmerisch sind unsere Dörfer?

Wie es um die Bereitschaft der Dorfbewohner zur Selbstständgkeit steht.

Für 69% der nicht selbstständigen Dorfbewohner ist die Selbstständigkeit keine Option. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass für 31% der Schritt in die Selbstständigkeit zumindest denkbar ist. Dabei zeigt sich, dass die Branchen Handel sowie Gewerbe & Handwerk am ehesten in Frage kämen, um sich selbstständig zu machen. Die größten Hürden zur Unternehmensgründung sind mangelndes Kapital (50%), zu geringes Know-how (28%) und fehlende geeignete Geschäftspartner (22%). Fast ein Viertel der Befragten (23%) sieht in der eigenen Gemeinde ungenützte Geschäftschancen – vor allem in der Gastronomie und im Handel.

Da ist was los

„In der Stadt ist viel los und am Land tote Hose!“ Kennen Sie das? Solche Klischees gibt es zuhauf. Meistens sagen es Städter. Der Haken daran: Die Aussage ist aus mehreren Gründen nachweisbar falsch, was auch der ADEG Dorfleben-Report® mit Fokus auf selbstständige Unternehmer eindrücklich zeigt. Eine Annäherung in sieben Punkten:

1. Selbstverständlich dürfen nicht Außenstehende beurteilen, ob ein Lebensort auch lebenswert ist. Das muss man den Menschen vor Ort überlassen. Die Dorfbewohner in Österreich sind mit ihrem Wohnort fast stets zufrieden und empfinden ihn zu vier Fünftel (!) als lebendig. Besonders wichtig ist, dass genauso junge Familien mit Kindern und Jugendliche die Lebendigkeit ihrer Gemeinde empfinden und somit nicht abwandern wollen.

2. Natürlich ist das bunte Leben in den Dörfern Österreichs weder gottgegeben noch ein Automatismus. Dafür bedarf es sowohl wirtschaftlicher als auch sozialer Voraussetzungen. Einerseits eine gute Infrastruktur inklusive Schulen und Kindergärten und qualifizierte Arbeitsplätze. Genauso wichtig sind andererseits soziale Treffpunkte. Von Lokalen über Veranstaltungen bis zum Vereinswesen. Reine „Schlafstättenorte“ braucht keiner. Die Gemeinden müssen also um solche strukturelle Voraussetzungen kämpfen.

3. Nahversorger wie ADEG & Co haben dabei sogar eine Doppelfunktion: Als Faktor für Wirtschaft und Arbeit – die Geschäfte garantieren Wertschöpfung sowie stabile Arbeitsplätze – und sie helfen mit, den sozialen Zusammenhalt zu verbessern.

4. Allerdings entstehen Nahversorger nicht einfach durch das Vorhandensein von passenden Gebäuden. Ihr Bestand wird von Menschen gesichert, die sie als selbstständige Unternehmer betreiben. Die Selbstständigkeit muss daher am Land eine attraktive Perspektive darstellen. Dafür bedarf es gezielter Strategien der Förderung.

5. Jeder Masterplan ist freilich ein allgemeines Konzept und muss mit konkreten politischen Maßnahmen umgesetzt werden. Eine Anerkennungskultur für unternehmerischen Mut ist Voraussetzung, doch geht es letztlich um Geld und Kapital. Man braucht also finanzielle Förderprogramme. Ein Beispiel: bundesweite Nahversorgungsprämien zur Unterstützung der Ortskerngestaltung und -revitalisierung.

6. Eine zusätzliche Idee wäre die Einrichtung eines Kompetenzzentrums „Ländliche Nahversorgung“ für Beratungsleistungen rund um Nahversorgung in Gemeinden. Als Best-Practice-Modell könnte der „nah & versorgt – Nahversorgungs-Check“ in Tirol dienen. Diese Erstanalyse ermöglicht Gemeinden, die Zukunftsfähigkeit bestehender Nahversorger zu verbessern und die Chancen zur Ansiedlung neuer Nahversorger zu prüfen.

7. Im Bereich der Digitalisierung muss jedes Dorf in Österreich ein „digitales Dorf“ mit einer leistungsfähigen (5G-wertigen) Internetverbindung sein. Nahversorger stehen im persönlichen Kontakt mit ihren Kunden im Dorf, doch schließt das Online-Direktmarketing nicht aus. Zudem sollte jeder Unternehmer mit Lieferanten oder öffentlichen Stellen schnellstmöglich digital kommunizieren können. Parallel dazu braucht es digitale Kompetenzen. Es gibt Umweltgemeinden und das ist gut so. Warum nicht ein Zertifikat „Digitale Gemeinde“ oder „Digitaler Nahversorger mit Herz“ einführen? Das wirkt zweifach: Die Dörfer würden im Bemühen um so ein Zeugnis die Digitalisierung vorantreiben und die dadurch ausgesprochene Anerkennung würde einen weiteren Motivationsschub bringen. Es lässt sich viel tun, damit Nahversorger weiterhin mithelfen, die Lebendigkeit der Dörfer zu sichern.